„Mitgefühl ist Arbeit.“ Am Wochenende war ich bei mir in der Region im Theater. Mitten in einer tollen Inszenierung fiel immer wieder dieser Satz: „Mitgefühl ist Arbeit“ – und er hat mich wieder an etwas erinnert, das mich schon lange begleitet. Danach hat er nachgehallt: auf dem Heimweg, am Sonntag, beim Kaffee am Montagmorgen.
Meistens klingt Mitgefühl nämlich nach Charaktereigenschaft. Nach etwas, das man entweder hat oder nicht. Nach „Sei halt nett“ und „Zeig doch ein bisschen Respekt“. Mitgefühl als Sahnehäubchen auf einem ansonsten funktionierenden Miteinander – schön, wenn es da ist, verzichtbar, wenn der Terminkalender voll ist.
Der Satz aus dem Theater behauptet das Gegenteil. Deshalb schreibe ich diesen Artikel: um festzuhalten, was er für mich bedeutet – und wie sich Mitgefühl tatsächlich lernen lässt, vor allem das Mitgefühl mit sich selbst.
Warum mich dieses Thema nicht loslässt
Als Sportpsychologe habe ich meine Masterarbeit zum Thema Compassion im Leistungssport geschrieben, im Umfeld eines Fußball-Bundesligisten. Im Leistungssport steht Mitgefühl selten ganz oben auf der Tagesordnung. Dort gilt häufig die Annahme, dass Härte – gegen andere und vor allem gegen sich selbst – die bessere Leistung hervorbringt. Wer leidet, soll sich zusammenreißen; wer Fehler macht, soll sie gefälligst abstellen.
Die Frage dahinter ist weit über den Sport hinaus aktuell: Ist Mitgefühl ein Gegenspieler von Leistung – oder eine Kompetenz, die man ernst nehmen und trainieren kann?
Was Mitgefühl psychologisch ist – und was nicht
Compassion, wie das Konzept in der Forschung heißt, ist deutlich mehr als freundliche Gesinnung. Der britische Psychologe Paul Gilbert beschreibt es als „a sensitivity to suffering in self and others, with a commitment to try to alleviate and prevent it“ (Gilbert, 2017). Frei übersetzt: eine Sensibilität für Leid, bei sich selbst und bei anderen, verbunden mit der Verpflichtung, es zu lindern und ihm vorzubeugen. Hinsehen allein genügt also nicht, es braucht die Bereitschaft, etwas zu tun.
Wichtig ist auch die Abgrenzung zum bloßen Mitleiden. Die Neurowissenschaftlerinnen Tania Singer und Olga Klimecki haben gezeigt, dass sich Empathie und Mitgefühl sehr unterschiedlich anfühlen: Wer vor allem „mitleidet“, erlebt empathischen Stress, der erschöpft. Wer Mitgefühl trainiert, erlebt mehr positive Gefühle und ist eher bereit zu helfen (Singer & Klimecki, 2014). Mitgefühl heißt „fühlen für“, nicht „fühlen mit“.
Paul Ekman, der wohl bekannteste US-amerikanische Emotions- und Mimikforscher, nennt als Basis, Gefühle überhaupt zu erkennen: „If I don’t know how you’re feeling, everything else just falls by the wayside“ (Ekman, 2010). Das gilt nach innen genauso wie nach außen.
Nettsein ist kein Mitgefühl
Nett sein ist angenehm, kostet wenig und verändert selten etwas. Ein verständnisvolles Nicken, ein „Das muss schwer sein“ – gut gemeint, aber folgenlos, wenn danach nichts geschieht. Mitgefühl dagegen verlangt etwas: hinzusehen, wo man lieber wegsehen würde, auszuhalten, dass es unangenehm wird, und dann etwas zu tun, das tatsächlich einen Unterschied macht. Genau darin liegt die Arbeit.
Hier kommt ein Gedanke, der mir wichtig ist:
Reflexion ohne Konsequenz ist nur Wellness für das eigene Gewissen.
Es fühlt sich gut an, über Leid nachzudenken und betroffen zu sein. Es fühlt sich sogar tugendhaft an. Aber solange daraus keine Handlung folgt, hat es für niemanden Wirkung – außer für das eigene vermeintlich gute Gefühl.
Mitgefühl mit sich selbst: die unterschätzte Arbeit
Gilberts Definition spricht ausdrücklich von Leid „in self and others“. Das ist kein Nebensatz. Viele leistungsorientierte Menschen sind mit anderen deutlich nachsichtiger als mit sich selbst: Der Freundin würden sie nach einem Fehler sofort Verständnis entgegenbringen, sich selbst machen sie Vorwürfe. Der Stress, die Erschöpfung, die innere Antreiberstimme – all das wird dann als normal hingenommen.
Selbstmitgefühl ist dabei weder Selbstmitleid noch eine Ausrede, nichts zu verändern. Es bedeutet, die eigene Belastung ernst zu nehmen und daraus etwas folgen zu lassen: eine Pause, eine abgegebene Aufgabe, ein gesetztes Nein. Gerade das fällt vielen schwerer, als es für andere zu tun – und deshalb ist es Arbeit. Und es steht nicht gegen das Mitgefühl mit anderen. Wer gelernt hat, sich selbst gegenüber hinzusehen und zu handeln, kann das meist auch bei anderen besser, ohne dabei auszubrennen.
Heißt Mitgefühl, weniger von sich zu verlangen?
Ein häufiger Einwand, gerade bei leistungsorientierten Menschen: Wer mit sich mitfühlend ist, wird bequem und lässt alles durchgehen. Das Gegenteil ist gemeint. Gilbert spricht davon, Leid nicht nur zu lindern, sondern ihm auch vorzubeugen – und manchmal bedeutet das ein ehrliches, unbequemes Gespräch mit sich selbst: Was mute ich mir seit Monaten zu, und wohin führt das?
Mitgefühl ersetzt den Anspruch nicht, sondern verändert den Ton. Sie können sich nach einem Fehler beschämen – oder hinschauen, was dahintersteckt, und klären, was als Nächstes hilft. Beides ist anspruchsvoll. Nur das zweite ist Arbeit, die etwas verändert.
Wie sich Mitgefühl konkret lernen lässt
Die gute Nachricht: Mitgefühl ist keine Frage der Veranlagung, es lässt sich trainieren. Im Coaching üben wir es in vier Schritten – zuerst an Ihnen selbst, dann auch im Umgang mit anderen:
1. Wahrnehmen statt wegschauen. Wie geht es mir gerade wirklich? Und: Wie geht es dem Menschen mir gegenüber? Das klingt banal, ist im Alltag aber oft das Erste, was verloren geht.
2. Berührt sein, ohne überwältigt zu werden. Das eigene Leid und das der anderen zulassen, ohne darin zu versinken. Das ist der Unterschied zwischen Mitgefühl und Erschöpfung.
3. Die Absicht klären. Was brauche ich jetzt – nicht: was erwartet man von mir? Und bei anderen: Was braucht diese Person, nicht: was würde mir in ihrer Situation helfen?
4. Klein und konkret handeln. Eine Pause einplanen, ein klares Gespräch führen, eine Grenze setzen. Am besten innerhalb von 48 Stunden, solange der Impuls frisch ist. Danach kurz auswerten: Was hat es bewirkt? So entsteht Reflexion mit Konsequenz.
Im 1:1-Coaching übe ich diese Schritte gemeinsam mit Ihnen an echten Situationen aus Ihrem Alltag – im Beruf, in der Familie und im Umgang mit sich selbst.
Mitgefühl braucht Mut
Jeder dieser Schritte erfordert Überwindung: hinsehen, aushalten, handeln. Wie viel man durch diesen Mut gewinnen kann, habe ich im Artikel Mut und Angst: Was Sie wirklich gewinnen können.
Wenn Ihnen Mitgefühl – mit sich selbst oder mit anderen – im Alltag schwerfällt, ist das kein Charakterfehler, sondern ein Trainingsfeld. Als Psychologe und Sportpsychologe begleite ich Menschen aus Montabaur, Limburg und Umgebung – vor Ort oder online – dabei, genau das zu üben und in konkrete Handlungen zu übersetzen.
Der erste Schritt ist unverbindlich: ein kostenfreies Gespräch von 30 Minuten, in dem wir gemeinsam schauen, wo Sie stehen und was ein guter nächster Schritt sein könnte.
Quellen
Ekman, P. (2010). Paul Ekman’s Taxonomy of Compassion. Greater Good Magazine, Greater Good Science Center, UC Berkeley, 21. Juni 2010.
Gilbert, P. (Hrsg.) (2017). Compassion: Concepts, Research and Applications. London: Routledge.
Singer, T. & Klimecki, O. M. (2014). Empathy and compassion. Current Biology, 24(18), R875–R878.